Normalerweise arbeiten wir uns in einem Blogbeitrag zur Pointe hin – zu der Überraschung, die man am Ende nicht erwartet hat. Heute steht die Pointe am Anfang: Wenn Sie einen Smart-TV haben, haben Sie keinen Fernseher, sondern einen Computer. Und Computer tun Computerdinge.

Alles, was Sie über Datenschutz und Privatsphäre gelernt haben, gehört bei einem Smart-TV noch einmal überlegt – zumal er ausgerechnet dort steht, wo man sich am wenigsten beobachtet fühlt: im Wohnzimmer.

Es ist Abend, auf dem Fernseher läuft ein Film. Danach noch ein Urlaubsvideo vom USB-Stick – Küste, Strand, das kleine Hotel. Keine Streaming-App, keine Mediathek, nur eigene Aufnahmen auf dem Bildschirm. Das fühlt sich harmlos an, weil der Fernseher hier scheinbar nur als Bildschirm dient. Doch gerade weil keine App läuft, entsteht ein Trugschluss: Ein vernetzter Fernseher kann auch das Urlaubsvideo vom USB-Stick erfassen – ganz ohne App. Wie das technisch möglich ist, führt zur eigentlichen Funktion.

So erkennt der Fernseher den Film

Die Technik heißt ACR (Automatic Content Recognition), auf Deutsch automatische Inhaltserkennung. Sie funktioniert ähnlich wie die Musikerkennung Shazam: Diese erkennt ein Lied, indem sie das Muster eines kurzen Tonausschnitts mit bekannten Aufnahmen vergleicht. ACR überträgt dieses Prinzip auf das Fernsehbild.

Entscheidend ist, wo diese Funktion sitzt: nicht in einer einzelnen Streaming-App, sondern eine Ebene tiefer im Betriebssystem des Fernsehers. Ja, Ihre Mattscheibe hat ein Betriebssystem. Sie erinnern sich: Computer, Computerdinge.

Aus Bildmerkmalen berechnet ACR fortlaufend einen digitalen Fingerabdruck – eine kompakte Zahlenfolge. Dieser wird über die Internetverbindung mit einer Datenbank bekannter Filme, Sendungen und Werbespots abgeglichen. Bei einem Treffer lässt sich der Inhalt zuordnen. Wiederholt sich das laufend, teils im Sekundentakt, entstehen Angaben dazu, was wann und wie lange lief.

Dafür muss kein vollständiges Video übertragen werden. Die Fingerabdrücke genügen. Das Ergebnis kann viel genauer sein als „Streaming-App geöffnet“: etwa „Um 20:15 Uhr begann dieser konkrete Film, nach einer halben Stunde lief eine andere Sendung“.

Weil ACR am Bildschirm ansetzt, kann es alle Bildquellen erfassen. Das betrifft das normale Fernsehprogramm über Antenne, Kabel oder Satellit ebenso wie Streaming. Auch eine Spielkonsole oder ein DVD-/Blu-ray-Player am HDMI-Anschluss – dem üblichen Anschluss für Bild und Ton – kann einbezogen werden, ebenso die Wiedergabe vom USB-Stick. Der Player selbst braucht dafür keinen Internetzugang: Der Fernseher übernimmt die Erfassung und Übermittlung. Der scheinbare Ausweg, einfach eine andere Bildquelle zu wählen, ist deshalb keiner.

Das bedeutet nicht, dass jedes Modell jede Quelle auswertet. Eine Untersuchung von 2024 fand bei getesteten Samsung- und LG-Geräten beispielsweise keine ACR-Übertragung während der Nutzung bestimmter Streaming-Apps. Ein Wechsel der Bildquelle ist deshalb aber noch kein verlässlicher Schutz.

Beim privaten Urlaubsvideo ist außerdem zwischen Erfassen und Erkennen zu unterscheiden. Eine selbst gedrehte Aufnahme steht normalerweise nicht in der Vergleichsdatenbank. ACR kann sie daher nicht einfach als „Ihr Urlaub an der Nordsee“ benennen. Das Bildschirmbild kann trotzdem in die Erfassung geraten. Ein USB-Stick macht aus einem online verbundenen Fernseher kein Offline-Gerät.

Auf vielen Smart-TVs läuft ACR nach der Standardeinrichtung bereits mit. Eine weltweit einheitliche Werkseinstellung gibt es allerdings nicht: Samsung beschreibt die Funktion im Support ausdrücklich als freiwillig und zustimmungspflichtig. Wer die angebotenen Zusatzdienste beim Einrichten pauschal akzeptiert, kann ACR dabei aktivieren, ohne den Zweck der Funktion wahrzunehmen. In der EU und im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) bedarf ACR nach der Datenschutz-Grundverordnung Ihrer Einwilligung, die Sie jederzeit widerrufen können.

Weshalb Sehdaten Geld wert sind

Aus einzelnen Treffern wird über Wochen ein Profil der Sehgewohnheiten. Wer häufig Reiseberichte schaut, lässt sich für Werbung anderen Interessengruppen zuordnen als ein Haushalt mit vielen Sportübertragungen. Die Daten helfen außerdem, Reichweiten und die Ausspielung von Werbespots zu messen. Sie können an Werbepartner weitergegeben und als Datensätze verkauft werden.

Dafür muss nicht Ihr Name neben jedem Filmtitel stehen. Gerätekennungen – Nummern zur Wiedererkennung eines Fernsehers – erlauben es, die Treffer zusammenzuführen und mit Werbeprofilen zu verknüpfen. Welche Person tatsächlich auf dem Sofa sitzt, weiß ACR dadurch nicht sicher. Für die Werbewirtschaft kann schon das Interesse des Haushalts genügen. Die Übertragung von Fingerabdrücken statt Videos macht die Sehdaten deshalb nicht automatisch anonym.

Hier liegt der eigentliche Punkt: Wir betrachten den Fernseher noch immer als passiven Empfänger. Tatsächlich ist er ein vernetzter Computer, der auch beim gewöhnlichen Fernsehen Daten an den Hersteller oder dessen Dienstleister senden kann. Für diese Inhaltserkennung braucht es keine Kamera im Wohnzimmer und kein eingeschaltetes Raummikrofon. Es geht um das angezeigte Programm – gleich, woher es kommt.

Vizio musste 2017 in einem Vergleich mit der US-Handelsaufsicht FTC und dem Bundesstaat New Jersey 2,2 Millionen US-Dollar zahlen, weil ohne Wissen und Einwilligung der Nutzer Sehdaten gesammelt und verkauft worden waren. Die FTC dokumentierte ausdrücklich eine sekündliche Erfassung, auch von DVD-Wiedergaben.

Der Schalter heißt selten „Tracking“

Die Inhaltserkennung lässt sich abschalten. Die Schwierigkeit liegt oft im Namen: Statt „Tracking ausschalten“ finden Sie freundlich klingende Zusatzdienste. Das wirkt wie gewollte Verharmlosung; den Zusammenhang mit ACR und Werbeprofilen erkennt man daraus kaum. Nach diesen Bezeichnungen können Sie suchen:

  • Samsung: „Anzeigeinformationsdienste“ (englisch „Viewing Information Services“)
  • LG: „Live Plus“
  • Sony: „Samba Interactive TV“
  • Vizio: „Viewing Data“

Öffnen Sie die Einstellungen und suchen Sie in Bereichen wie Datenschutz, Nutzungsdaten oder Einwilligungen. Beim passenden Dienst deaktivieren Sie die Erfassung beziehungsweise nehmen die Zustimmung zurück. Menüaufbau und Übersetzungen unterscheiden sich je nach Modell, Baujahr und Gerätesoftware; notfalls hilft das Handbuch des eigenen Modells.

Nur personalisierte Werbung abzuwählen, genügt nicht unbedingt: Die Verwendung für Werbung und die Erfassung können getrennte Einstellungen sein. Entscheidend ist, die Inhaltserkennung selbst auszuschalten.

Normales Fernsehen und die Wiedergabe angeschlossener Geräte bleiben grundsätzlich möglich. Wegfallen können Funktionen, die auf der Inhaltserkennung beruhen, etwa passende Zusatzinformationen oder Empfehlungen.

Wenn Sie keine Sprachsteuerung nutzen, deaktivieren Sie auch diese und das Mikrofon, soweit das Gerät es erlaubt. Manche Fernseher besitzen dafür einen mechanischen Schalter. Das ist eine separate Einstellung, unabhängig von ACR.

Nach Updates noch einmal nachsehen

Firmware-Updates, also Aktualisierungen der im Fernseher eingebauten Software, können Einstellungen zurücksetzen. Prüfen Sie danach erneut, ob Ihre Auswahl noch gilt, und lesen Sie neue Zustimmungsabfragen, bevor Sie sie bestätigen. Sicherheitsupdates sollten Sie deswegen nicht auslassen.

Über die angebotenen Datenschutzoptionen lässt sich ein Großteil der offiziell offengelegten Datensammlung abstellen. Vollständige Funkstille garantiert das nicht: Manche Geräte senden weiterhin Betriebs- oder Diagnosedaten. Auch die Streaming-Apps haben eigene Datenschutzregeln.

Sie sind der Auswertung Ihrer Sehgewohnheiten trotzdem nicht ausgeliefert. Wer den richtigen Namen kennt, kann die entsprechende Erfassung gezielt begrenzen – ohne dafür die Fernsehtechnik im Detail beherrschen zu müssen.

Haben Sie ACR bei Ihrem Fernseher gefunden und abgeschaltet? Schreiben Sie in die Kommentare, wie die Einstellung dort hieß – gern mit Hersteller und Modell. Das hilft anderen beim Suchen.

Kommentare

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Clemens
4 stunden vor
Mein Samsung TV ist nicht ständig mit dem Internet verbunden. Ich verbinde es nur dann, wenn ich Internet-Zugang brauche. Sendet das TV-Gerät dann ein Profil, das es bis dahin offline angesammelt hat?
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Herr Schmidt
4 stunden vor
Ich weiß es nicht. Aber ich könnte es mir gut vorstellen, dass der Fernseher erstmal alles in seinem Speicher ablegt und irgendwann, wenn Internet da ist, dann direkt versendet.
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Markus
4 stunden vor
Davon kannst Du ausgehen das alles gesammelt wird und wenn es wieder Internet hat wird alles gesammelte gesendet. Alles andere würde mich stark überraschen.
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Andreas
3 stunden vor
Das wird letztlich sehr schwer sich wirklich fest sagen lassen. Die LGs, die gerade in einigen IT-Medien diesbezüglich beleuchtet werden, kommen dabei sehr schlecht weg. Zu Samsung kenne ich keine Aussage.
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Matze
2 stunden vor
Ihr schlauer Fernseher, neudeutsch Smart TV, bezieht aber irgendwoher die Fernsehsendungen, die Sie sich dann anschauen. Auf diesem Wege gelangen Daten auch in die andere Richtung von Ihrem Gerät zum Anbieter.
Das muss nicht live passieren, eine mehrtägige oder mehrwöchige Zusammenfassung erfüllt bereits den Zweck.

Fröhliche Grüße
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Herbert Kuzel
4 stunden vor
Wieder einmal ein Haupttreffer. Bin froh, dass ein uralter Samsung Fernseher im Wohnzimmer steht. Ohne Internetanschluss und mit Zimmerantenne.
Aber eine andere Frage: Wie sieht das beim Streamen am PC aus?
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Matze
2 stunden vor
Der Computer ist auch ein Computer (-;

Auf einem Windowssystem müssen Sie generell unterbinden, was Sie nicht haben wollen. Es ist von Geburt an sehr gesprächig.
Dasselbe gilt für Androiden.

Auf Applecomputern und Linuxsystemen ist es für gewöhnlich andersherum. Dort müssen Sie aktivieren, was Sie nutzen wollen.

Selbstredend gibt es in allen Systemen Ausnahmen des für Benutzer*innen teils relevante Zeugs, von dem die Entwickler*innen und/oder Hersteller überzeugt sind, dass Sie es unbedingt (nicht) benötigen.

Fröhliche Grüße
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Bernhard
4 stunden vor
Sie haben alles an Tracking am Fernseher ausgeschaltet? Falls sie aber einen modernen Smart-Stromzähler in ihrem Haushalt haben, so kann man über den momentanen Stromverbrauch über einen kurzen Zeitraum gemessen feststellen, welches Programm Sie gerade im Fernseher anschauen.
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Markus
4 stunden vor
TV hängt am PI-Hole.
Wenn er nicht benötigt wird, wird das Ding komplett vom Strom getrennt. Kein Strom, kein mithören und kein mitsehen von seitens Samsung.

Wenn man den Kasten dann an Strom anschließt und man beobachtet PI-Hole sieht man wie viele Internetaufrufe sofort gemacht werden ohne das er überhaupt "an" ist.
Ich bezweifel stark das man das alles abschalten kann!
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Matze
2 stunden vor
Abschalten lässt sich grundsätzlich alles. Es gibt dann jedoch weniger vom ursprünglichen gewollten.

Wer nicht über jedes angebotene Stöckchen hopst, das Werbebeanspruchende freimütig herumliegen lassen, lebt entspannter.

Fröhliche Grüße
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Regine Schmid
3 stunden vor
Guten Tag ich streame auch nur noch am PC und möchte auch gerne wissen ob meine seh-Gewohnheiten da verfolgt werde. Besten Dank aus Stuttgart.
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Gerd Ed
3 stunden vor
Gerade am Computer werden alle Informationen gesammelt und dann weitergegeben. Dabei ist es egal ob man Mac oder Windows verwendet wird
Genauso ist es bei FB und sonstigen Anbieter
Schließlich wollen alle an den Daten von Kunden mitnaschen
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Matze
2 stunden vor
An meinen Computern passiert so etwas allenfalls anonym, aber eher einfach gar nicht, weil ich grundsätzlich immer erst einmal alles ausschalte.
Das führt mit dazu, dass ich recht vieles nicht ansehen kann, und bisher lebe ich ganz gut damit, nicht überall mitreden können zu müssen. All das, was mir dadurch entgeht, vermisse ich nicht.

Die armen Mitnascher sind auf Diät, und einige verhungern.

Fröhliche Grüße
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Michael S.
2 stunden vor
Zu LG Fernsehern empfehle ich den Artikel in der aktuellen Zeitschrift c't Heft 21. Spionage lässt sich nicht abschalten, es wird offline gesammelt und bei nächster Internetverbindung übertragen und selbst das eingebaute Mikrofon schnüffelt im Standby mit. Mein Fernseher wird NIE ein Internet bekommen, egal welcher Hersteller!!!
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Martin
1 stunde vor
Auf meinem Samsung TV habe ich nur eine Einstellung Datendienst gefunden und deaktiviert. Ist das die richtige Einstellung?
(Es wird natürlich nicht erklärt, was dieser Datendienst eigentlich macht)
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Claudius
3 minuten vor
Ich habe noch einen NoGIS-Fernseher, den ich auch hege und pflege. Da gibt es nichts – kein Mikro, kein Internet, keine Spionage. Und ich komme auch ohne den mitgelieferten Amazon Fire TV Stick bestens aus :-)
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